Raum des Wissens: "Sprache als Musik"


Treten Sie ein in den Raum des Wissens! Hier wird das Verhältnis von Sprache und Musik von verschiedenen Seiten her beleuchtet. Dabei zeigt sich unter anderem, wie viel Musik in Sprache bereits steckt. Sprache fasst zwei recht unterschiedliche Phänomene in einem Wort zusammen: das logische, grammatikalische und semantische System Sprache und die Akte des Sprechens. Es ist wissenschaftlich umstritten, welches Phänomen dem anderen vorausging. Beides – Sprachsystem und Sprechen – sind auch für Musik bedeutsam. So wird die Beziehungslogik der Dur-Moll-Tonalität oft als eine „Sprache“ angesehen. Das Sprechen ist beschreibbar als ein körperlich erzeugter Schallstrom, der spezifisch geformt wird. Wie das Musizieren ein Musikinstrument braucht, braucht das Sprechen ein Sprechinstrument: den Stimmapparat.

Freitag bis Sonntag 3. - 5. November 2006


9.30 - 20 Uhr




:: station 01 ::
   Sprachproduktion
   Florian Ziolko

Was ist älter: Sprache oder Musik? Verschiedene Philosophen gehen davon aus, dass zuerst die Musik in Form von mittels Hörnern geblasenen Tönen und Gesang war, bevor sich Sprechen ausformte. Und immer wieder nahmen Komponisten diese Idee zum Anlass, Übergänge zwischen amorphen Geräuschen bis hin zu hochartikuliertem Sprechen auszukomponieren.

   
:: station 02 ::
   Luciano Berio – "Wo kommt die Sprache her?"
   Corinna Wolff, Johannes Scheller

Musik in der Sprache kann auch derjenige entdecken, der sich lediglich bewusst macht, wie wichtig die Intonation, die Melodie eines Satzes, die Betonung von Worten für die Bedeutung ist. „Der Ton macht die Musik“, werfen sich Kommunikationspartner häufig zu und meinen damit, dass ein grammatikalisch vollständiger Satz solange mehrdeutig bleibt, solange er noch nicht klanglich hörbar ist. Komponisten haben sich von den vielen Bedeutungsdimensionen von Sprache inspirieren lassen. Vor allem seit der Mitte der 1950er Jahre bezogen sie auch intonatorische, gestische und mimische Ausdrucksträger in ihre Werke mit ein.

:: station 03 ::
   Das Musikalische der Sprache
   Susann Köppl

In der Avantgardemusik, die von seriellen und elektronischen Verfahren dominiert waren, kam es seit der Mitte der 1950er Jahre zu einer Blüte der Sprachkompositionen. Das resultierte zum einen aus dem differenzierten Materiiabewusstsein, das die Komponisten den Klangfarbenreichtum von Sprache hinreichend schätzen ließen. Außerdem war das serielle Komponieren stets an der Vielseitigkeit der klanglichen Phänomene interessiert.

:: station 04 ::
   Die Sprachbehandlung in der Vokalmusik der 50er und 60er
   Jahre von Luigi Nono

   Nina Jozefowicz

Hans G Helms war als Jazz-Saxophonist aktiv, als er mit journalistischer Absicht in den 1950er Jahren nach Köln, einem der Hauptzentren zeitgenössischer Musik kam. In das Studio für elektronische Musik des WDR kehrte er wenig später zurück, um selbst eine experimentelle Sprachkomposition zu verfassen. Helms prägte die Kölner Kunstszene nicht zuletzt durch seine legendären James Joyce gewidmeten Abende, ja er machte den irischen Dichter mit seinen eigenwilligen Sprach- und Sprachenverschmelzungen bei seinen Künstlerfreunden bekannt und sorgte für ein hohes intellektuelles Niveau einer multilingualen Joyce-Rezeption, denn die vielen Sprachen, die sich etwa in Finnigans Wake verbergen wurden für die Lektüre der Musiker und Künstler auf der Basis der Mehrsprachigkeit jedes einzelnen aktiviert.

:: station 05 ::
   Musik, Sprachspiele und Lebensformen
   Daniel James

Auch über die 1950er und 60er Jahre hinaus fordert Sprache immer wieder Komponisten zu experimentellen Werken heraus, die zumeist zwischen der klaren Bedeutung und der nicht fassbaren Bedeutung oszillieren.

:: station 06 ::
   Hans Joachim Hespos und Sprache
   Kathrin Heidenreich

Der Komponist Hans Joachim Hespos strebt nach dem Augenblick der Verwirrung, Unsicherheit und Irritation. Starrheit, Verkrustungen, Langeweile und Gewohnheiten verabschieden sich sowohl in der Musik als auch in der zum Werk gehörenden Partitur. Während des Kompositionsprozesses werden erste Überlegungen, Zeichnungen, Wortfetzen auf kleinen Zetteln notiert, gedanklich erweitert und mit Hilfe der Sprache umgesetzt. Worte sind "Werkzeuge", haben "Werkzeugcharakter", müssen "Energietransporteure" sein. Verdeutlicht wird die Sprache durch verbale Zeichen, Graphiken, Notationszeichen sowie zahlreichen Wortschöpfungen. Das animative Werkzeug "Wort" bereichert die Partitur, denn die üblichen Spielanweisungen wie "allegro con brio" reichen nicht mehr aus. Worte finden Anwendung als Sprechlaute, Lautwerdungen und in Artikulationsvorgängen. In welcher Form, Dimension und Technik die Sprache benutzt wird, soll die Posterpräsentation zeigen. Hespos folgend "bleibt über Musik Geschriebenes und Gesagtes naturgemäß an der Oberfläche und ist für den musikalischen Bereich belanglos. Musik erfordert ganze Anstrengung, man muss sie mit aller Intensität der Sinne wahrnehmen. Musikalische Phänomene muss man fühlen, abtasten, schmecken, riechen, hören. Worte über diese Dinge reichen nicht."

:: station 07 ::
   Peter Ablinger
   Karin Weissenbrunner

"Wahrnehmungen sind nicht Kopien einer physikalisch definierten Wirklichkeit, sondern Wahrnehmung ist der Prozess, durch den eine bestimmte Person von ihrem besonderen Verhaltenszentrum aus, ihrer unmittelbaren Umweltsituation Bedeutungen verleiht.” In einem Überblick über die Phänomene der auditiven Wahrnehmung werden wichtige Effekte unseres Gehörs durch Klangbeispiele aus psychoakustischen Untersuchungen illustriert. In zeitgenössischen Stücken von Peter Ablinger wird die Aufmerksamkeit des Hörers in der Wahrnehmung von Wirklichkeit geschärft. Der in Österreich geborene, seit 1982 in Berlin lebende und arbeitende Komponist Peter Ablinger macht mit Kompositionen auf sich aufmerksam, deren zentrales Prinzip nicht der Klang ist, sondern die Hörbarkeit und Unhörbarkeit. Wie sich diese Charakteristik besonders in seinen Sprachkompositionen verdeutlicht, veranschaulichen Beispiele aus seinen Kompositionen. Der Komponist wird anwesend sein.

:: station 08 ::
   Zeitverschwendung
   Alex Hofmann, Kostia Rapoport

Heutige musikalische Arbeit ist vielfach durch Computertechnologie geprägt, so auch im Falle von Sprachkompositionen. Sprache wird entweder per Mikrophon aufgenommen (so genannte Samples erzeugt) und gegebenenfalls weiter elektronisch moduliert oder Sprachklang wird mithilfe des Computers neu generiert. Die Sprachsynthese im Computer ist allerdings ein traditionsreiches Vorhaben. Die Analyse von Sprachklängen im 19. Jahrhundert stellt den Anfang der Erforschung von Klangfarben überhaupt dar. Und seit es Computer gibt, wurde versucht, den Computer sprechen zu lassen; vor allem die Telephonie hat diesbezüglich immer neue Technologien hervorgebracht, z.B. den Vocoder. Der Vocoder zählt heut zu den Standardinstrumenten bzw. in seiner digitalen Version zu den gängigen Plugins der Computermusik und der Pop-Elektronik.

:: station 09 ::
   Grundlagen der Sprachsynthese
   Claudia Stripf

Auch die Popmusik hat besondere Formen von „Sprachmusik“ hervorgebracht. Sicherlich ist der HipHop dazu zu zählen, zum einen wegen seiner Inszenierung von Sprechgesang, zum anderen wegen seinerbedeutungsorientierten, ja teilweise hörspielartigen Verwendung von Geräuschen.

:: station 10 ::
   Wie geht Hiphopmusik mit Sprache um?
   Ulrike Hübner, Jana Ackermann

Prima la parole, doppo la musica! So hieß lange Zeit der Slogan, der der Musikgeschichte seine Prägung verlieh: Textorientiertes, die Worte unterstützendes bzw. klang illustrierendes Komponieren ist vorherrschend auch über den liturgischen Raum hinaus. Spätestens seit der Romantik änderte sich die Hierarchie; die Instrumentalmusik behauptete sich und stieg gar zur „absoluten Musik“ als Inbegriff einer reinen Kunst auf. Springen wir in die Jetztzeit: Wie löst ein Popsong dieses Problem der Wort- oder Ton-Dominanz, will er doch stets eine Botschaft verkünden, hält aber auch an der einfachen musikalischen Form fest?

:: station 11 ::
   zuerst die Sprache, dann die Musik? Wie produziere ich einen ultimativen Popsong?
   Marcus Auerbach

Viele populärwissenschaftliche Bücher – gegliedert in simple Arbeitsschritte, für jedermann leicht verständlich – versprechen, das Geheimnis um den ultimativen Popsong zu lüften. Soll man zuerst den Text eines Liedes fertig stellen, bevor man mit der Komposition beginnt? Oder ist, wie einige Polemiker behaupten, die Sprache in einem erfolgreichen Popsong so unwichtig, dass man sie getrost vernachlässigen kann, solange das Ergebnis für das menschliche Ohr angenehm klingt und dem gängigen popkulturellen Musikgeschmack entspricht? Wir beleuchten die verschiedenen gängigen Kompositions- und Aufnahmepraktiken. Dabei soll geklärt werden, welche Wirkung die Entscheidung für den sprachlich oder musikalisch dominierten Weg auf den gesamten Schaffensprozess hat. Wie mache ich einen ultimativen Popsong? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, ohne zu klären, was ein Popsong ist. Gängige Einteilungen in U- und E-Musik sind ungenügend, und führen eher in wirtschaftliche als ästhetische Zusammenhänge ein (Kommerzmusik oder l’art pour l’art?). Das Poster kommentiert Klangbeispiele aus verschiedenen Bereichen der Popularmusik. Außerdem werden erfolgreiche popularmusikalische Komponisten, Interpreten und Texter zu unseren Themen befragt.

:: station 12 ::
   Logos – Harmonie der Expression
   Wolfgang Lepschies

Die Wahrnehmung von Sprache und Musik, von Wort und Klang, als aufeinander beziehbare Erlebnis- und Handlungsbereiche, weckt den Wunsch, die Natur dieser Verhältnisse genauer zu bestimmen. Erfahrungsgemäß ist die jeweils konkrete Ausgestaltung des Beziehungsgeflechts oft egoistisch-esoterisch dem Erkennen gegenüber verschlossen und abweisend. Schwelgend im So- und SoSein zeitlich bedingter Gestaltungen, voller Genuss und Aufregung, ist die Frage nach der Möglichkeit überhaupt aller Verhältnisse von Sprache versus Musik stets eine unzeitgemäße Provokation. Getreu dem Grundsatz homöopathischen Heilens „Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt", soll dem altgriechischen Geheimniskrämer Heraklit von Ephesos der Vorzug gegenüber dem Kernspintomographen der Neurowissenschaft gegeben werden, wenn es um die Erhellung anfänglicher Beziehungsfähigkeit geht. Heraklit, auch „der Dunkle“ genannt, sah den Kosmos und den Menschen vom Lichte des Logos getragen. Dieser Begriff durchlief eine erstaunliche Karriere von seinen Anfängen im alten Griechenland der Mysterien- und Philosophenschulen, über die christlichen Erben im Mittelalter bis zu den Spracharchäologen der Neuzeit. Wir verdanken es diesem Heraklit, den Fluss des Werdens, in den nach ihm niemand zweimal auf gleiche Weise eintauchen könne, mit dem Fluoreszieren seines Satzes von der Einheit der Gegensätze markiert, und somit unverlierbar die Sichtbarwerdung der Identität garantiert zu haben. Der Strom der fragmentarischen Textüberlieferung erlaubt keine bequeme Übernahme vorverdauter Weisheiten, er fordert ein erkennendes Verhalten dessen, der Fragen stellt. Als heuristisches Prinzip ist die Logos-Idee auf Selbsterweiterung angelegt und sollte jedem Spannungsbogen gewachsen sein. Sprache und Musik, unter dem Bilde der Harmonie des Ausdrucks, das ist Zusammenfügung von Auseinanderstrebendem, so wie in Heraklits Textfragment Nr. 51: "Sie begreifen nicht, dass es, auseinanderstrebend, mit sich selber übereinstimmt: widerstrebende Harmonie wie bei Bogen und Leier." Diese komplexe Tension einigt Verstand und Gefühl.

:: station 13 ::
   Forschungsprojekt "Singen in Berlin"

Wozu sollten Großstädterinnen und Großstädter selbst singen, wenn MP3-Player und andere omnipräsente Musikberieselungen das für ihn übernehmen können? In der Literatur findet man viele Hinweise darauf, dass Singen als allgemeine Kulturtätigkeit spürbar abnimmt. Chöre überaltern und werden geschlossen, Singen als geselliger Zeitvertreib ist uncool, und moderne Küchen eignen sich nicht als Aufführungsort für selbst vergessene Schauergesänge. Singen bald nur noch Profis?
Die Seminargruppe ist der Frage von zwei Seiten her nachgegangen. So wurden in einer Untersuchung 184 Mitglieder und Leiter von sieben sehr unterschiedlichen Laienchören zu ihrer Motivation zum Singen, ihrer musikalischen Ausbildung und Sängerlaufbahn, dem Repertoire, den Aufführungen, dem sozialen Chorleben etc. in einem Fragebogen und teilweise ausführlichen Interviews befragt, während in einer zweiten Untersuchung 101 Passanten in einer Einkaufszone um Auskünfte zu ihrem individuellen Gesangsverhalten gebeten wurden. Die Ergebnisse sind nicht nur erstaunlich, sie widersprechen teilweise auch den allgemeinen Einschätzungen: Tatsächlich praktizieren die meisten Menschen irgendeine Form des Singens, heute jedoch versteckter und absichtlich für andere schlechter hörbar als zu früheren Zeiten. Zudem zeichnen sich alterspezifische neue Gesangsformen, wie Karaoke und Fußballgesänge ab. Dies mag ein Grund sein, warum in der Choruntersuchung ein relativ hohes Durchschnittsalter zu verzeichnen ist. Doch auch deutlich jüngere Menschen singen im Chor, bleiben aber letztlich wie die älteren Chorsänger meist in ihrer Altergruppe. Chöre, so scheint es, sind nicht nur musikalische sondern auch soziale Einheiten. So wundert es nicht, dass die meisten Chorsängerinnen und Chorsänger dem Repertoire ihres Chores einen geringeren Stellenwert beimessen, als dem Spaß am Singen. Genauere Einzelheiten, auch zu den untersuchten Chören, wird die Präsentation zeigen.

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